Sprichst du überhaupt Spanisch?

Die wohl häufigste Frage neben „Wow, ihr zieht nach Mexiko… Hast du da keine Angst?“ war „Sprichst du überhaupt Spanisch?„. Die Antwort lautete Nein. Wir sprachen allesamt kein Spanisch, d.h. das würde neben der Haussuche, Eingewöhnung in Schule, Alltag und Arbeit eine weitere Herausforderung werden.

Ganz am Anfang, als sich der Umzug nach Mexiko zunächst als Könnte-sein-Option herauskristallierte, durchstöberte ich das Internet nach kostenlosen Webseiten zum Spanisch lernen. Da es noch nicht feststand, wollte ich dafür kein Geld ausgeben. Schnell fand ich die gängigen Anbieter wie babbel, duolingo und busuu, wobei nur duolingo dauerhaft kostenlos ist. Bei vielen anderen Seiten hat man zwar die Möglichkeit mit einem kostenlosen Kurs zu starten, aber der hat dann oft nur 1,2 Kapitel und danach wird man zur Kasse gebeten.

Somit starteten wir, d.h. der Große und ich, 3,5 Monate vor Umzug mit duolingo. Der Vorteil von duolingo ist, dass man sich die App bequem aufs Handy laden und somit an egal welchem Ort lernen kann. Ich lernte oft unterwegs, beim Warten auf die Kinder an der Schule, Schwimmhalle, Fußballplatz, Musikschule usw., also in all jenen Zeiten, in denen man sonst sinnlos auf dem Handy rumdaddelt. Das Laden der Lektionen kostet auch nicht wirklich mobile Daten, sodass ich das gut unterwegs machen konnte. (Bei duolingo gibt es auch eine kostenpflichtige Variante, bei der man sich die Lektionen aufs Handy runterladen kann, sodass man unterwegs keine mobilden Daten braucht).

Der Vorteil bei duolingo ist außerdem, dass es irgendwie süchtig und Spaß macht. Es ist ganz simpel aufgebaut, man lernt pro Lektion einige Vokabeln – oft mit Unterstützung von Bildern – und hat so relativ schnell einen gewissen Grundwortschatz drauf. Für den Anfang kann ich duolingo also uneingeschränkt empfehlen. Allerdings gibt es dort keine Erklärungen zu Grammatik oder anderen Fragen, sondern hier geschieht das Lernen eher intuitiv.

Außerdem haben wir uns die Karteikarten von Langenscheidt A1/A2 gekauft, mit dem Ziel zumindest die Hälfte bis zum Umzug zu können (klappte natürlich nicht). Trotzdem war der Vorteil der Karten, dass es erstens eine Abwechslung – sowohl von der Haptik als auch von den Vokabeln & Themen – zu duolingo darstellte und wir sie zweitens immer dabei haben konnten ohne Bildschirm und Internet zu brauchen. Dazu holten wir noch 2 große laminierte Übersichtskarten von Pons für die Zeiten und wichtigsten Konjugationen von Verben.

Die letzten 2 Monate vor Umzug nahmen wir uns zusätzlich noch eine Sprachlehrerin. Dort hatten wir bzw. vor allem der Große insgesamt 20 Stunden und wir bekamen quasi einen Crashkurs in Grundvokabular, einfachen Sätzen und den Zeiten Vergangenheit und Zukunft. Neben Schule, Arbeit, Umzugsvorbereitungen und Alltag, der bis zum Schluss mitsamt Hobbys der Kinder weiterlief, blieb jedoch quasi keine Zeit zum häuslichen Lernen und Vertiefen und schon bald hatten wir das Gefühl, dass uns der Kopf platzt und alles Gelernte durcheinander purzelt.

empfohlenes Arbeitsbuch von der Sprachlehrerin

Mit den beiden Kleineren fingen wir an spielerisch ein paar Vokabeln zu lernen. Neben den Standardsätzen „Ich heiße…“, „Ich bin 7 Jahre alt und komme aus Deutschland“ usw. spielten wir Memory auf Spanisch. Hierfür übersetzte ich mir einfach die deutschen Wörter und wir sagten immer das spanische Wort während wir eine Karte umdrehten. Das geht natürlich nicht mit jedem Memory, aber gerade Memorys für Kinder, auf denen vorrangig einfache Bilder wie Haus, Schaf, Boot, Mond… abgebildet sind, eignen sich dafür hervorragend.

Zusätzlich erlaubte ich den Kindern mehr TV zu schauen als sonst, aber dafür nur auf Spanisch. Hierfür eignete sich vor allem die Kinderserie Peppa Wutz (auf Spanisch Peppa la cerdita), weil die Sprache sehr einfach gehalten ist und diverse Youtube-Filme, in denen für Kinder die Farben, Zahlen, Berufe usw. vorgesungen werden.

Außerdem durchkämmten wir unsere örtliche Bibliothek nach Lernbüchern speziell für Kinder. Dabei stießen wir auf Unser erstes Bildwörterbuch Spanisch von Ting. Der dazugehörige Ting-Stift liest einem alle Wörter, auf die man tippt, vor. Das ist natürlich praktisch, um nicht nur das geschriebene Wort, sondern auch gleich die Aussprache zu lernen. Durch die vielen kindgerechten Bilder lassen sich die Wörter auch leichter einprägen.

Das klingt in Summe alles ganz schön viel, aber wir haben natürlich nicht jeden Tag das gesamte Material genutzt. Oft waren wir neben dem normalen Alltagsstress froh, wenn wir wenigstens 15 min Spanisch pro Tag einbauen konnten und gerade die beiden Kleinen hatten oft keine Lust, weswegen wir sie dann auch in Ruhe gelassen haben. Mit Druck erreicht man nämlich gar nichts. Dem Großen war es zwar manchmal auch zu viel, aber er hatte ein Ziel vor Augen: A2 bis zum Umzug damit er in seiner Klassenstufe bleiben darf. Und das führt uns zur nächsten Frage:

Wie viel Spanisch lernt man in 3,5 Monaten?

Das lässt sich natürlich nicht so pauschal beantworten, weil es stark davon abhängt wie viel Zeit man täglich investiert. Außerdem kommt es natürlich auch auf Vorkenntnisse oder andere Fremdsprachenkenntnisse an. Da ich französisch spreche, konnte ich recht schnell viele Wörter aufgrund der Ähnlichkeit lesend verstehen und der Satzaufbau ist ebenfalls sehr ähnlich. Selbst Englisch half an der ein oder anderen Stelle, weswegen mein Mann und ich bereits einen Vorteil gegenüber den Kindern hatten. Allerdings hatten wir diesen Vorteil vorrangig beim lesen und (teilweise) verstehen. Das eigenständige Sprechen war bedeutend schwieriger. Der Mittlere und die Kleine sprachen bisher nur Deutsch, weswegen es für sie am schwersten war.

Zeit / TagLernmittelNiveau
Mein Mann10-15 minSprachlehrerGrundkenntnisse
Ich20 minduolingo
Karteikarten
A1-A2 (lesend und verstehend)
der Große1,5 hduolingo
Karteikarten
Memory
Sprachlehrer
A1-A2
der Mittlere10 minTV
Memory
einige Wörter & Sätze
die Kleine10 minTV
Memory
einige Wörter & Sätze
Spanischniveau nach 3,5 Monaten

In Mexiko angekommen lernte anfangs wieder vor allem der Große weiter, weil er immernoch den Druck aus der Schule hatte. Mit den anderen Beiden lernten wir zwar immer mal wieder spielerisch ein bisschen, aber wir dachten, dass das nicht notwendig sei, weil sie die Sprache ganz schnell in der Schule lernen würden. Das stellte sich im Nachhinein als Fehler heraus.

Mein Mann nahm ebenfalls von Anfang an 2x die Woche Spanischunterricht und ich pausierte erstmal. Erstens musste ich mich um das Auspacken der Umzugskisten, den neuen Tagesablauf und die Eingewöhnung der Kinder kümmern und zweitens hat man als Expat-Frau nicht den Vorteil, dass einem die Firma einen Lehrer zur Verfügung stellt, sondern muss sich diesen selbst organisieren. Somit fing ich erst im März wieder mit Einzelunterricht an und hörte im Sommer wieder auf, weil mir zugegebenermaßen die Lust und Disziplin zum Lernen fehlten. Beim Einzelunterricht lernt man zwar mehr, weil der Unterricht intensiver ist, aber auf der anderen Seite fehlt einem dann der Vergleich und die „Konkurrenz“ und somit auch der Antrieb zum Lernen. Zumindest ging es mir so.

Hinzu kam mein innerer Schweinehund, der sich breit machte. Ich verstand nach 6 Monaten quasi alle Alltagsgespräche, konnte mich mit Direktoren und Lehrern problemlos auf Spanisch unterhalten – definitiv nicht fehlerfrei, aber so, dass sie mich und mein Anliegen verstanden – und somit schwand meine Motivation zum Lernen immer mehr.

Um trotzdem bei Bedarf weiterlernen zu können, habe ich dem Großen und mir einen kostenplichtigen busuu-Account zugelegt. Warum sind wir nicht bei duolingo geblieben? Nun, duolingo haben wir trotzdem ab und zu parallel weitergemacht, aber nach 6 Monaten in Mexiko gab es nicht mehr allzu viel Neues zu lernen bei duolingo. Bei busuu hingegen wird viel Wert auf die Grammatik gelegt, es gibt viele erklärende Texte und man ist in quasi jeder Lektion gefordert einen eigenen Text zu bestimmten Themen zu schreiben oder zu sprechen. Dadurch lernt man das eigenständige Ausdrücken, was in meinen Augen das Schwierigste am Erlernen einer neuen Sprache ist.

Das soll jetzt nicht heißen, dass eine der beiden Seiten besser oder schlechter als die andere ist. Ganz im Gegenteil, ich finde, dass sie sich wunderbar ergänzen und würde sie immer wieder in dieser Reihenfolge benutzen: erst duolingo, um relativ schnell einen gewissen Grundwortschatz zu erlernen, und danach busuu, um die Fremdsprache zu vertiefen.

Ein weiterer Unterschied zwischen duolingo und busuu ist die Länge der Lektionen. Während man bei duolingo für eine Lektion ca. 2-3 min braucht und sie somit wunderbar auch in kurzen Wartezeiten absolvieren kann, dauert eine Lektion bei busuu ca. 10-15 min. Somit muss man bei letzterem von vorneherein deutlich mehr Zeit einplanen und die hätte ich am Anfang oft nicht gehabt.

Stand Juli 2019

Nachtrag

Wie ist das Spanischniveau nach einem Jahr?

Die Spanischkenntnisse der Kinder nach einem Jahr sind eigentlich wenig aussagekräftig. Aufgrund der anfangs falschen Schulwahl lernt die Kleine eigentlich erst seit 4 Monaten und der Mittlere erst seit 2 Monaten Spanisch. Die Beiden können aber inzwischen mit anderen Kindern kommunizieren, verstehen großteils ihre Hausaufgaben selbstständig, können sich mitteilen, wenn sie etwas brauchen / Schmerzen haben / ihnen gefällt usw., können von Erlebnissen des Tages berichten und kommen im Alltag ganz gut zurecht.

An der Stelle darf nicht unerwähnt bleiben, dass die Beiden neben Spanisch auch noch Englisch lernen, da sie an einer bilingualen Schule sind. Während die Kleine mit ihren Klassenkameraden bei der englischen Sprache jedoch gemeinsam bei 0 anfängt, hat der Mittlere es besonders schwer und muss nebenbei auch noch zwei Jahre Englisch aufholen.

Der Große, der aufgrund seines Alters und seiner Klassenstufe ganz andere Möglichkeiten und Wege zum Erlernen einer Sprache hat, dürfte mittlerweile ca. ein B2 haben. Er kommt sowohl in der Schule als auch im Alltag und Urlaub sehr gut zurecht, kann Bestellungen aufgeben, im Laden Dinge erfragen usw.

Mein Mann, der auf der Arbeit viel Englisch und wenig Spanisch redet, hat ca. ein A2, wobei er mehr versteht als er (grammatikalisch korrekt) sagen kann. Aber auch er kann mittlerweile nur mit Spanisch seinen Alltag meistern. Er hat nach wie vor 2x / Woche Spanischunterricht.

Mein eigenes Niveau liegt irgendwo zwischen B1 und B2. Ich nehme zwar schon lange keinen Unterricht mehr, aber durch den Schulwechsel der Kinder habe ich endlich mexikanische Freundinnen gefunden und das hilft mir mehr als Unterricht. Ich glaube, dass das sowieso das Rezept zum (schnellen) Erlernen einer Sprache ist: mit den Landsleuten reden, reden, reden. Und natürlich bei Nicht-Verstehen immer wieder nachfragen und sich auch korrigieren lassen.

Ich hoffe, dass ich in einem Jahr guten Gewissens schreiben kann, dass die Kinder ihrem Alter entsprechend die Sprache fließend sprechen und ich bei C1 angekommen bin. Aktuell habe ich auch wieder mit busuu und duolingo angefangen (bzw. weitergemacht) und hoffe, dass meine Motivation dieses Mal etwas länger anhält.

Stand Februar 2020

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