Woche 1: Homeschooling – Danke Corona!

Letzte Woche war ich noch ganz euphorisch. Homeschooling wegen der Corona-Krise? Kein Problem. Das bekommen die Kinder und ich locker hin. Tatsächlich war es in der vergangenen Woche auch noch ganz entspannt: Wir entschieden von Tag zu Tag, welches Fach wir wann durchnahmen und kamen sogar noch dazu, wieder vermehrt für das Fach Deutsch zu arbeiten. Dann kam das Wochenende und mit ihm flatterten Stunden- & Tagesarbeitspläne von der Schule ins Haus. Lasset den Stress beginnen!

Der Große (8.Klasse) sollte täglich pünktlich morgens um 7 Uhr an seinem Rechner sitzen und auf die Aufgaben warten, die ihm die Lehrer seinem normalen Stundenplan entsprechend zusenden würden. Für den Mittleren (3.Klasse) und die Kleine (1.Klasse) gab es hingegen einen neuen Stundenplan:

Stundenplan

8:00-8:30 Uhr: aufstehen, waschen, anziehen
8:30-8:45 Uhr: leichtes Frühstück essen
8:45-9:00 Uhr: die Lehrerin grüßen und den Tag vorbereiten
9:00-10:00 Uhr: dem Tagesplan entsprechende Seiten in den Heften bearbeiten
10:00-10:30 Uhr: Frühstück essen
10:30-12:00 Uhr: dem Tagesplan entsprechende Seiten in den Heften bearbeiten
12:00-12:30 Uhr: Pause
12:30-14:00 Uhr: dem Tagesplan entsprechende Seiten in den Heften bearbeiten und das tägliche Pensum der Lehrerin schicken

Das Arbeitspensum entsprach dem Stundenplan und es war tatsächlich nur zu schaffen, wenn man sich mindestens 4 Stunden mit den Kindern hinsetzte. Da der mexikanische Lehrplan unserer Schule jedoch nicht so gemütlich wie ein deutscher ist – wir lernen ein neues Thema und vertiefen dieses dann ein bis zwei Wochen -, sondern deutlich straffer – wir lernen pro Tag mindestens ein neues Thema pro Fach, dafür wiederholen wir die Themen jährlich die gesamte Grundschule hindurch – brauchten wir oft deutlich länger.

Am ersten Tag saß ich mit dem Mittleren und der Kleinen zusammen am Tisch und versuchte die ständigen Fragen der Beiden zu beantworten. Selbstständig etwas zu erarbeiten war bei den Aufgabenstellungen schier unmöglich und nach 4 Stunden des Abarbeitens der Themen waren meine Nerven am Ende. Die Aufgaben des Tages waren es aber leider noch nicht und der Uhrzeiger rückte unerbittlich weiter auf die 2 zu. 14 Uhr war Abgabetermin und alle späteren eingereichten Aufgaben sollten nicht mehr gewertet werden.

Zum Glück hatte nicht nur ich mit den Aufgaben zu kämpfen, sondern auch die anderen Eltern und nach einigen wütenden Anrufen und E-Mails erreichten wir bei der Schule, dass die Abgabefrist bis Mitternacht verschoben wurde. Das nahm für die folgenden Tage zwar ein wenig den Druck heraus, änderte aber leider nichts am Pensum. Wir konnten zwar tagsüber längere Pausen machen, saßen aber dafür oft bis 17 Uhr an den Themen.

Für die Kommunikation mit den Eltern und die Übermittlung der erledigten Aufgaben nutzt unsere Schule Google classroom. Nach einigen Startschwierigkeiten am ersten Tag funktionierte es die restlichen Tage reibungslos.

Übersicht Classroom mit noch zu erledigenden Aufgaben

Ich finde es ehrlich gesagt eine Zumutung für die Kinder und Eltern, dass der gleiche Schulstoff in der gleichen Zeit nun zuhause erarbeitet werden soll. Generell funktioniert der Unterricht in Mexiko anders als in Deutschland. Die Kinder arbeiten z.B. ein neues Themen auf einer Doppelseite in ihrem Mathearbeitsheft durch und haben nichts verstanden, weil die Lehrerin alle Lösungen lediglich an die Tafel schreibt und die Kinder es nur abschreiben. Danach beginnt dann ein neues Thema. Außer ihren Arbeitsheften haben sie leider auch keine Bücher, wo es eventuell erklärt sein könnte.

In den Geschichtsheften des Mittleren steht z.B. oft „Erforsche das Thema x und fülle die folgende Grafik / Tabelle aus.“ Dummerweise hat er ebenfalls kein weiteres Buch, wo er etwas nachschlagen könnte, sodass er immer auf ein Elternteil angewiesen ist, um mit ihm das entsprechende Thema im Internet nachzuschlagen. Da sein Spanisch nicht ausreichend ist, um Wikipedia-Einträge über soziale oder wirtschaftliche Themen zu lesen, ist er auch hierbei wieder auf uns angewiesen.

Das Pensum der Kleinen sah zum Beispiel am ersten Tag vor, dass sie 10 Seiten in Englisch, 5 Seiten in Spanisch, 5 Seiten in Mathe und 1 Seite in Informatik erledigt. Für einen 1.Klässler viel zu viel, wenn man nicht einfach nur die Lösungen vorsagt, sondern möchte, dass auch noch etwas gelernt wird.

Ihre Themen in Mathe in dieser ersten Woche waren
1. Tag: Zahlenfolgen im Hunderterbereich (z.B. mehrere Vorgänger & Nachfolger von 362 finden)
2. Tag: Dutzend (Erklären was ein Dutzend ist und Rechnungen durchführen wie z.B. 5 Dutzend entsprechen 60)
3. Tag: Schriftliche Addition im Hunderterbereich
4. Tag: Stellentafel (verstehen, was Einer, Zehner, Hunderter usw. sind und die entsprechend in einer Tafel aufschreiben)
5. Tag: Schriftliche Subtraktion mit Übertrag im Hunderterbereich

Lego eignet sich hervorragend zur Visualisierung von 1/2 Dutzend, 1 Dutzend, 2 Dutzend usw.

Bis auf die Schriftliche Addition, die wir vorher immer mal wieder zuhause erklärt und vertieft hatten, waren die Themen allesamt neu und werden in Deutschland erst in der 2. oder 3. Klasse unterrichtet. Jetzt könnte man denken, dass die Mexikaner besonders fit und Schnelllerner seien, aber weit gefehlt. Exakt diese Themen nimmt der Mittlere auch durch und seine mexikanischen Mitschüler haben große Mühe mit dem Rechnen. Dadurch, dass in der 1.Klasse so viele Themen durchgenommen werden, haben die Kinder kaum Gelegenheit die Grundlagen – Rechnen im 10er- und 20er-Raum – zu festigen, weswegen viele in der 2. und 3. Klasse noch mit Fingern rechnen.

Da ich der Kleinen weder die Lösungen vorsagen noch einfach Themen ausfallen lassen möchte, bleibt mir nichts anderes übrig als die Themen mit ihr durchzugehen und sie ihr beizubringen. Außerdem versuche ich gleichzeitig die Grundlagen zu festigen, damit sie, wenn wir nach Deutschland zurückkehren, nicht auf der einen Seite total hinterher hinkt, aber dafür Themen aus 2 Klassenstufen über ihrer eigenen kennt. Das kostet aktuell natürlich viel Zeit, aber ich hoffe, dass es sich auszahlt.

Nun ist die erste Woche geschafft und wir warten mit Grauen auf die zweite. Ich hoffe, dass die Schule bald wieder losgeht oder die Schule alternativ einsieht, dass wir Eltern nicht dieses Pensum leisten können. Dabei bin ich sogar noch in der glücklichen Situation nicht arbeiten zu müssen und mich somit vollkommen auf die Kinder konzentrieren zu können.


Text, den die Kleine für eine fiktive Schulzeitung schreiben musste

3 Kommentare zu „Woche 1: Homeschooling – Danke Corona!

  1. Ich persönlich finde das mexikanische Schulsystem ebenfalls sehr übertrieben von der Kleinen und dem Mittleren. Was bringt es einem in der dritten klasse immer noch nicht rechnen zu können, aber dafür Themen aus der ersten Klasse zu wiederholen? Und wie ist das System von dem Großen?

    Gefällt 1 Person

    1. Hallo Henri, der Große bekommt mittlerweile passend zu seinem Stundenplan virtuellen Unterricht. Zwar nicht in jedem Fach, aber fast. Dafür nutzen die Lehrer die App zoom und es klappt ganz gut. Zusätzlich haben sie noch die Lernapp Kahoot!, über die der Lehrer bestimmte Inhalte abfragen oder mit den Kindern durchgehen kann.

      Gefällt 1 Person

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