Heimweh

Nach 1,5 Jahren fernab der Heimat wird es Zeit über das Heimweh zu sinnieren. Doch was ist Heimweh überhaupt? Worauf bezieht es sich? Auf das (Kindheits-)Zuhause? Freunde und Familie? Städte? Die Lebensweise? Gibt es Heimweh überhaupt immer und pauschal für jedermann?

Bereits lange vor unserer Abreise befasste ich mich mit dem Thema Leben im Ausland und kam somit unweigerlich an den verschiedenen emotionalen Phasen, in die die Zeit der Auswanderung im Allgemeinen untergliedert wird, vorbei. Je nach Studie und Institut variiert die Anzahl der Phasen, doch meistens sind es 4:

  1. Honeymoon
  2. Fremdkulturschock, Krise
  3. Anpassung, Erholung
  4. Eigenkulturschock

Honeymoon ist die Phase der Ankunft im neuen Land. Alles ist noch neu und aufregend und selbst der wöchentliche Einkauf wird zum Erlebnis. Doch nach ein paar Monaten flacht die erste Euphorie ab, der Alltag stellt sich ein und plötzlich wird das schmerzliche Vermissen der Freunde, Familie und des Bekannten spürbar. Willkommen in der Phase des Fremdkulturschocks! In dieser Zeit, die ca. 3-6 Monate nach der Ankunft im neuen Land auftritt, legt sich die Euphorie und Frustration, Heimweh und der Kulturschock treten an die Stelle.

Die kulturelle Andersartigkeit, die anfangs noch faszinierend war, ist nun störend und untermauert lediglich das Gefühl, völlig fehl am Platz zu sein. Die spannenden ersten Erlebnisse sind zu einer alltäglichen, teils frustrierenden Routine geworden und die sprachliche Barriere ist immer noch genau das: eine Barriere. Hinzu kommen Fettnäpfchen, fehlende Freunde und Familie und hin und wieder der Gedanke „Eigentlich ist es zuhause viel schöner“ oder „Zuhause wird das viel besser / anders gemacht“.

Insofern in dieser Phase nicht der Abbruch des Auslandsaufenthalts erfolgt, tritt man nach einiger Zeit in die Phase der Anpassung und Erholung ein. Aufgrund der Erfahrungen der letzten Monate entwickelt sich ein Verständnis für die Handlungs- und Denkweisen der Einheimischen, die Fettnäpfchen werden weniger und die Kommunikation dank besserer Sprachkenntnisse leichter. Die ersten Freundschaften sind gefestigt und die Integration in Schulen, Vereinen, auf der Arbeit – kurzum in das gesellschaftliche Leben – schreitet voran. Man fühlt sich akzeptiert und angekommen und fängt sogar an, Verhaltensmerkmale der Fremdkultur zu übernehmen.

Diese Phase dauert bis zum Ende des Auslandsaufenhalts an, doch damit ist die emotionale Achterbahnfahrt des Auslandsaufenthalts noch nicht abgeschlossen, denn bei der Rückkehr wartet der Eigenkulturschock. Nach den ersten Wochen des fröhlichen Wiedersehens und Austauschs von Erinnerungen und Erlebnissen wird schnell festgestellt, dass nichts mehr so ist wie früher. Oder besser gesagt, alles ist noch genauso wie früher, nur man selbst nicht. Während die Zurückgebliebenen in den vergangenen Jahren ihren normalen Alltag weiterlebten, durfte (und musste) der zurückkehrende Expat einen ganzen Rucksack voller Erlebnisse und Erfahrungen sammeln, die ihn nachhaltig verändert und seinen Horizont im wahrsten Sinne des Wortes erweitert haben.

Plötzlich erscheint das früher so idyllisch wirkende Dorf zu ruhig und einsam und der bislang geliebten Stadt fehlt das zauberhafte Flair. Plötzlich fehlen die neuen Freunde und das, was früher im Heimatland gut erschien, kann nun fade, kleinkariert und starr wirken. Wie zuvor in der Phase des Fremdkulturschocks muss auch hier eine Mischung aus Akzeptanz und Anpassung angewendet werden, um die emotionale Achterbahnfahrt wieder in ruhige Gewässer zu führen.

So viel zur Theorie. Doch wie sieht das nun in der Praxis aus?

Das ist natürlich für jeden unterschiedlich. Da ich die Phasen kannte und mich am Anfang tatsächlich in der Euphorie-Phase befand, wartete ich gespannt auf die unweigerlich kommende Frustrations-Phase. Ich wartete und wartete. Und wartete. Nach einem Jahr des Wartens fing ich langsam an zu zweifeln, ob diese Phasen wirklich allgemeingültig sind. Nun sind weitere 6 Monate vergangen und ich befinde mich zwar schon lange nicht mehr in der Euphorie-Phase, aber ich bin längst in der Anpassungs-Phase angekommen. Natürlich ärgere ich mich manches Mal über mexikanische Verhaltensweisen oder die Unpünktlichkeit. Natürlich vermisse ich meine Freunde und Familie. Natürlich bin ich traurig, manche Ereignisse in Deutschland nicht miterleben zu können. Aber ich finde, dass das ganz normale Hochs und Tiefs sind, die ich genauso auch in Deutschland hatte, wenn ich mich über die Kleinlichkeit oder Unflexibilität von Deutschen geärgert habe.

Von daher denke ich, dass nicht jeder die Phasen des Kulturschocks gänzlich durchlaufen muss, um in einem fremden Land anzukommen. Die persönliche(n) Lebensgeschichte und -erfahrungen spielen genauso mit rein wie die eigene Toleranz, Anpassungsfähigkeit, Einstellung, Lebensweise und interkulturelle Kompetenz. Da ich zu meinem Glück bereits einige Jahre in Frankreich leben und dort eine internationale Schule mit Schülern aus 14 verschiedenen Nationen besuchen konnte, hatte ich vermutlich weniger Anpassungsschwierigkeiten als jemand, der bisher nur wenig Kontakt zu ausländischen Kulturen hatte.

Hinzu kommt, dass mein Mann und ich in den letzten Jahren oft umgezogen sind, sodass wir es gewohnt waren, alle paar Jahre unsere Freunde zu verlassen und vorrangig über PC und Handy mit ihnen Kontakt zu halten. Auch auf das Glück mit Eltern und Geschwistern in einer Stadt zu wohnen, mussten wir ab dem Studium verzichten. Von daher ist es bereits seit Jahren so, dass für uns unsere Heimat dort ist, wo wir als Familie wohnen. Denn für uns ist Heimat nicht ein bestimmter Ort, sondern ein Gefühl.

Fazit:

Für mich gibt es eigentlich nicht so wirklich Heimweh. Da meine Familie aktuell in Mexiko wohnt, ist Mexiko eben zurzeit meine Heimat. Selbstverständlich vermisse ich meine Freunde in Deutschland, doch wir halten engen Kontakt über Whatsapp und können sie dank der heutigen Videotelefonie auch häufig sehen. Auch einige Dinge wie Fahrradfahren, die deutsche Natur und die Jahreszeiten – wer hätte das gedacht! Ich dachte immer, ich wäre mit ganzjährigem Sommer mehr als zufrieden – fehlen mir natürlich, aber nicht schmerzlich. Das macht unseren Mexikoaufenthalt bedeutend einfacher und wir genießen die Zeit in vollen Zügen!

Die farbenfrohe Pracht des deutschen Herbstes vermisse ich mittlerweile sehr!

3 Kommentare zu „Heimweh

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